Was sagt ein Hauseingang über eine Stadt aus?
Der Hauseingang ist vermutlich der kleinste, aber am meisten unterschätzte Stadtraum überhaupt.
Wenn wir über Architektur sprechen, denken wir an Gebäude, Plätze oder ganze Quartiere. Wir diskutieren über Dichte, Mobilität, Wohnqualität und öffentlichen Raum. Doch der Ort, an dem all diese Themen täglich aufeinandertreffen, bleibt meist unbeachtet: der Hauseingang.
Dabei entscheidet sich genau hier, wie wir von der Strasse ins Zuhause wechseln – und wie das Zuhause mit dem öffentlichen Raum in Beziehung tritt.
Alles begann mit einem Spaziergang durch Amsterdam:
Seit unserem Umzug nach Amsterdam verbringen wir viel Zeit zu Fuss in der Stadt. Dabei fiel uns etwas auf, das wir zuvor kaum bewusst wahrgenommen hatten.
In Amsterdam endet das Zuhause oft nicht an der Haustüre.
Menschen sitzen auf den Stufen vor ihrem Eingang und trinken ihren Kaffee. Kinder spielen vor der Haustür. Pflanzen, Bänke und Velos erweitern den Wohnraum bis an die Strasse. Der Hauseingang ist hier weit mehr als ein funktionaler Zugang – er wird Teil des Alltags.
Je genauer wir hinschauten, desto häufiger stellten wir uns dieselbe Frage:
Warum schenken wir diesem Raum so wenig Aufmerksamkeit?
Der Hauseingang ist mehr als eine Tür
Seit über einem Jahr untersuchen wir Wohnhauseingänge in Amsterdam. Inzwischen haben wir fast 300 Eingänge fotografisch dokumentiert, analysiert und miteinander verglichen.
Je mehr wir sehen, desto deutlicher wird:
Der Hauseingang ist weit mehr als eine Tür.
Er entscheidet darüber, wie wir nach Hause kommen.
Zwischen Strasse und Wohnung liegen oft nur wenige Quadratmeter. Trotzdem entstehen genau hier räumliche Qualitäten, die das Zusammenleben beeinflussen.
Gibt es einen Ort, um kurz stehen zu bleiben?
Kann man mit der Nachbarin ins Gespräch kommen, ohne sie in den eigenen Privatraum einzulassen?
Entsteht eine natürliche Distanz zwischen öffentlichem und privatem Raum?
Gibt es Platz für Pflanzen, eine Sitzbank oder das Kindervelo?
Fühlt sich der Übergang geschützt oder ausgesetzt an?
Diese Fragen mögen klein erscheinen.
Doch gerade in immer dichter werdenden Städten gewinnen sie an Bedeutung.
Wenn Wohnungen kleiner werden und der öffentliche Raum intensiver genutzt wird, wird die Schwelle zwischen beiden Räumen wichtiger. Der Hauseingang ist dann nicht nur Erschliessung – sondern der erste Teil des Zuhauses und gleichzeitig der kleinste öffentliche Raum eines Wohngebäudes.
Warum untersuchen wir ausgerechnet Amsterdam?
Amsterdam besitzt eine aussergewöhnlich reiche Kultur der Wohnhauseingänge. Historische (UNESCO) Grachtenhäuser, die charakteristischen Stufen vor den Fassaden, die Wohnquartiere der Amsterdam School oder die späteren Portiekeingänge zeigen, wie unterschiedlich der Übergang zwischen Strasse und Wohnung gestaltet werden kann.
Kaum eine andere europäische Stadt vereint auf engem Raum eine solche Vielfalt an Eingangstypologien. Gleichzeitig steht Amsterdam wie viele Städte heute vor den Herausforderungen zunehmender Verdichtung, wachsender Wohnraumnachfrage und der Frage, wie trotz hoher Dichte lebenswerte Nachbarschaften entstehen können.
Gerade deshalb erscheint uns Amsterdam als idealer Ausgangspunkt, um den Hauseingang als eigenständigen architektonischen Raum neu zu betrachten.
Warum dieses Projekt?
studio elan bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Fotografie und Grafikdesign.
Uns interessieren nicht nur Gebäude als Objekte, sondern auch die Geschichten, Räume und Zusammenhänge, die sie erzählen. Genau darin sehen wir unsere Stärke: komplexe räumliche Themen sichtbar und verständlich zu machen.
Mit Fotografie dokumentieren wir den Bestand. Mit Zeichnungen und typologischen Analysen machen wir räumliche Zusammenhänge sichtbar. Mit Editorial Design entwickeln wir daraus eine Publikation, die Forschung und Gestaltung miteinander verbindet.
Was als persönliche Beobachtung begann, ist heute ein eigenständiges Forschungsprojekt geworden.
Nicht mit dem Ziel, die schönsten Türen Amsterdams zu zeigen. Sondern um besser zu verstehen, wie Architektur den Übergang zwischen Stadt und Wohnen gestaltet – und was wir daraus für die Wohnquartiere der Zukunft lernen können.
Wie geht es weiter?
In den kommenden Monaten werden wir unsere Dokumentation weiter ausbauen, die räumlichen Typologien schärfen und gemeinsam mit Expert aus Architektur, Stadtgeschichte, Soziologie und Psychologie die ersten Essays entwickeln.
Die daraus entstehende Buchpublikation ist für den Sommer 2027 geplant.
Bis dahin möchten wir euch regelmässig an unserer Forschung teilhaben lassen und zeigen, welche überraschenden Geschichten sich hinter den oft unscheinbarsten Räumen einer Stadt verbergen.
Mehr über das Projekt, den aktuellen Stand und Möglichkeiten, unsere Arbeit zu unterstützen, findet ihr unter: