Die Schwelle als Stadtraum

Bei unserer Recherche zu den Amsterdamer Hauseingängen dokumentieren wir zwar die Stadt von heute, aber es interessiert uns auch, wie die Schwelle zwischen Haus und Strasse früher genutzt, gestaltet und dargestellt wurde.

Also haben wir uns im Rijksmuseum auf die Suche nach historischen Stadtbildern gemacht – und sind fündig geworden. Menschen sitzen auf dem typischen «Stoep-Bänkli», unterhalten sich vor der Haustür, verkaufen Waren aus Fenstern und Eingängen, beobachten die Strasse oder empfangen Besucher:innen. Die Türschwelle erscheint dabei selten als blosse Grenze. Sie ist vor allem auch Arbeitsplatz, Aufenthaltsort, Bühne, Treffpunkt und Teil des öffentlichen Lebens.

Besonders deutlich wird das beim sogenannten «Stoep»: jener Vorzone zwischen Hausfassade und Strasse, die in Amsterdam häufig durch ein höhergelegenes Podest, Geländer, Pfosten oder andere bauliche Elemente ausgebildet wurde. Sie schuf Distanz zum Treiben der Strasse und konnte gleichzeitig einen repräsentativen Rahmen für das Haus bilden. Vor allem aber entstand hier ein Raum, in dem sich Privatheit und Öffentlichkeit begegneten.

Natürlich sind Gemälde keine neutralen Dokumentationen des damaligen Alltags. Sie komponieren, idealisieren und erzählen. Gerade deshalb sind sie für unsere Recherche spannend: Sie zeigen nicht nur, wie diese Räume ausgesehen haben könnten, sondern auch, welche Bedeutung ihnen zugeschrieben wurde.

Beim genaueren Hinsehen fällt auf, wie häufig sich alltägliche Handlungen genau an den Rändern der Gebäude abspielen. Bei Jan Steen (Bild 2) sitzt Adolf Croeser demonstrativ auf dem Stoep seines Hauses, während eine bedürftige Frau an ihn herantritt. Bei Vermeer (Bild 4) wird der offene Hauseingang zu einem Schaufenster des häuslichen Lebens. Isaac Ouwater wiederum zeigt Eingänge und Erdgeschosszonen als lebendige Schnittstellen von Handel und Strasse. Und bereits um 1500 inszeniert der Meister von Alkmaar in den Sieben Werken der Barmherzigkeit Türen, Fenster und Vorzonen als florierende Orte der Interaktion und Handel.


Für unser Buchprojekt ist genau diese Beobachtung zentral: Der Hauseingang bietet mehr Potenzial als nur eine Grenze zu sein.

Zwischen Fassade und Strasse entsteht ein kleiner Stadtraum, in dem Architektur Verhalten ermöglicht, Distanz schafft, Begegnung zulässt und Bewohner:innen sich zur Stadt positionieren können. Was wir heute in Amsterdam fotografieren und analysieren, hat eine erstaunlich lange räumliche und kulturelle Geschichte.

Gezeigte Werke:

  1. Hendrik Keun, De Keizersgracht bij het Molenpad, 1765–1785, Öl auf Leinwand, Amsterdam Museum, Rijksmuseum Amsterdam.

  2. Jan Havicksz. Steen, Adolf en Catharina Croeser, bekend als ‘De burgemeester van Delft en zijn dochter’, 1655, Öl auf Leinwand, Rijksmuseum Amsterdam.

  3. Pieter Jansz. Saenredam, Het oude stadhuis in Amsterdam, 1657, Öl auf Holz, Rijksmuseum Amsterdam.

  4. Johannes Vermeer, Gezicht op huizen in Delft, bekend als ‘Het straatje’, ca. 1658, Öl auf Leinwand, Rijksmuseum Amsterdam.

  5. Jan ten Compe, De Munttoren gezien van het Singel, 1751, Öl auf Holz, Amsterdam Museum, derzeit Rijksmuseum Amsterdam.

  6. Isaac Ouwater, De Sint-Antoniuswaag in Amsterdam, ca. 1780–1790, Öl auf Leinwand, Rijksmuseum Amsterdam.

  7. Isaac Ouwater, De boekhandel en het loterijkantoor van Jan de Groot in de Kalverstraat in Amsterdam, 1779, Öl auf Leinwand, Rijksmuseum Amsterdam.

  8. – 10. Meester van Alkmaar, De zeven werken van barmhartigheid, 1504, Öl auf Holztafeln, Rijksmuseum Amsterdam.


Dieser Beitrag ist Teil unserer Recherche und Publikationsarbeit über Amsterdamer Hauseingänge. Die Abbildungen zeigen eigene fotografische Detailaufnahmen der ausgestellten Werke im Rijksmuseum.


Weiter
Weiter

Was kann Gestaltung leisten, wenn sie nicht erst am Ende dazukommt?